home :: blog :: archives :: book reviews :: links :: store
 
Blut+Honig

Fotografien und Text von
Nathalie Mohadjer

English/German

ins Türkische übersetzt: Balkan

Der Balkan war schon immer Region der Grenzen und Kriege, der „Hinterhof “ und das „Sorgenkind Europas“.

Der Krieg in BiH (Bosnien-Herzegowina) von 1992 bis 1995 brachte hohe Verluste an Menschenleben und materiellen Schäden. Im Jahr 1998 gibt die Regierung der Föderation BiH 242.330 Tote, 36.470 Vermisste und 175.286 Verletzte an.

Mehr als 12.000 Leichen sind seit Kriegsende aus ca. 250 Massengräbern in BiH exhumiert worden. Die Gesamtzahl der intern Vertriebenen und Flüchtlinge beträgt 2.200.000. Der wirtschaftliche Schaden wird von der Weltbank auf 15 bis 20 Milliarden Dollar geschätzt. Unzählige Kulturgüter, wie die Alte Brücke von Mostar, die Ferhadija Moschee in Banja Luka und die National Bibliothek in Sarajevo wurden vollständig zerstört oder stark beschädigt.

Die Folgen des Krieges reichen aber weiter als die Schäden, die beobachtet werden können. Langfristig ist
die tief eingeprägte Ideologie des Krieges von Ethnos und Raum die schwerste Hypothek des Krieges, die künftige Generationen zu tragen haben. Nahe der Stadt Tuzla, im Herzen Bosniens, gibt es heute ca.100 Flüchtlingslager.

Eines der Lager ist Grab Potok. Durch die Freie Hilfsorganisation (NGO) Snaga Zéne war es möglich, Grab Potog für vier Wochen im November 2004 zu besuchen. In Grab Potog leben ca. 100 Menschen, in zwei Holzbaracken aufgeteilt. Die Flüchtlinge leben seit Mitte 1995 dort und kommen ursprünglich aus der Region um Srebreniza. Früher waren sie alle hart arbeitende Bauern die sich selbst versorgten, heute sind sie auf Lebensmittel als Spenden angewiesen. Jede Familie bewohnt ein Zimmer von ca.15qm Größe, was zugleich als Küche, Wohn- und Schlafzimmer dient. Es regnet dort durch die Decke, wodurch sich überall Schimmel bildet und Kälte zieht durch die undichten Fenster hindurch.

Das Lager ist von der Gesellschaft Bosniens isoliert, da es mitten im Wald und zwischen den Gebirgen liegt. Der Zivilbevölkerung fern, ist das Sozialverhalten dieser Menschen sehr gestört. Die Verhältnisse zueinander sind unklar und es wird ständig gestritten. Ein hohes Gewaltpotenzial und Drogen beeinflussen das Alltagsgeschehen. Die Frustration der Lebenssituation und der Armut ist sehr hoch, hinzu kommen die Traumata, die immer noch in ihnen schlummern und von Zeit zu Zeitan die Oberfläche treten. Es gibt viele Kinder in Grab Potok, die ihren Ursprung nicht kennen, für sie ist das Lager Heimat.

Der Ursprung dieses und vieler anderen Lager beruht auf den „Massakern von Srebreniza“.

Im Juli 1995 gingen serbische Söldner durch Srebrenica, den Vorort Potocare und die Nachbarstadt Bratonac, stürmten die Häuser und nahmen alle Männer im Alter von 16-60 Jahren gefangen. Sie verschleppten sie in die nächstgelegenen Wälder, um sie zu exekutieren. Es war der schlimmste Massenmord in Europa seit 1945.

Früher war Srebrenica ein Kur- und Erholungsort wegen der heilenden Quellen und der schönen Wälder, die es umgibt.

Wenige Menschen sind nach Srebrenica zurückgekehrt; in dem Vorort Potocare leben ausschließlich alte Frauen, die ihre Männer bei dem Massaker im Juli 1995 verloren haben. Schauen sie aus dem Fenster, blicken sie direkt auf das Mahnmal des Massakers mit dem dazugehörigen Friedhof, auf dem die schon identifizierten Ermordeten liegen. Gegenüber des Mahnmals, auf der anderen Straßenseite, der einzigen Straße die nach Srebrenica führt, liegt die „Fabrik“, die zur Zeit der serbischen Besetzung als Konzentrationslager diente. Fast jeden Monat kommen neue Gräber hinzu, es gibt noch viele nicht identifizierte Exekutierte.

Die International Commission for missing people, kurz „icmp“ erhalten ständig neue weiße Leichensäcke. Momentan liegen 3000 davon in den Leichenhallen der icmp Tuzla, geborgene Knochenreste aus den Massengräbern der Wälder. Es dauert sehr lange, bis eine Person identifiziert ist. Zunächst wird ein kleiner Teil des Knochens gereinigt und daraus eine Probe entnommen. Die Probe wird in die USA geschickt, wo die DNA-Daten analysiert und in den Computer eingespeist werden. Diese werden dann manuell mit den Daten der überlebenden Familienangehörigen verglichen, um genau festzustellen, ob es sich um den Bruder, Vater oder Ehemann handelt. Im Auftrag von icmp sind weltweit Arbeitsgruppen unterwegs, um Blutproben von Überlebenden zu entnehmen, die ein Familienmitglied vermissen. Bis heute wurden jedoch erst ca.1880 Leichen identifiziert.

In Bosnien-Herzegowina herrscht Stillstand und ein gesellschaftlicher Fortschritt ist sehr mühsam. Trotz der schrecklichen Ereignisse wird der Hass von nationalistischen Parteien geschürt und die Rückkehr der Flüchtlinge in ihre Heimatorte wird von den jetzt dort Lebenden immer noch nicht akzeptiert.

Auf den Schultern Bosnien-Herzegowinas liegt eine schwere Last, die von Generation zu Generation weitergetragen wird.

— Nathalie Mohadjer



Fotografien in größerer Auflösung auf der self-running slide show.