Vor gerade einmal 100 Jahren begann einer der blutigsten Konflikte unserer Geschichte: der Erste Weltkrieg. Was zunächst als schneller Waffengang möglich erschien, entwickelte sich mit fortschreitender Dauer der Kämpfe zur grausamen Konfrontation der Menschheit mit bis dahin nicht gekannten Methoden industriell eingesetzter massenhafter Zerstörung. Angesichts des hohen Blutzolls und des allenthalben verursachten Leids nimmt es daher kaum Wunder, dass der Erste Weltkrieg bereits vor seinem Ende als “Krieg, der alle Kriege beendet” bezeichnet wurde. Aus heutiger Sicht mag der darin mitschwingende Optimismus bitter-ironisch klingen - hoffnungslos naiv war er allemal.

Ein Jahrhundert später liegt es auf der Hand, dass die letzten Zeitzeugen der Ur-Katastrophe des 20. Jahrhunderts inzwischen gestorben sind. Sie stehen nicht mehr bereit, um ihre Erfahrungen von einst mitzuteilen. Auch die wenigen noch vorhandenen Aufnahmen der Wochenschauen vermitteln ein eher abstraktes Bild des Geschehens - ebenso wie die zahlreichen Friedhöfe, auf denen kilometerlang, so weit das Auge reicht, weiße Grabkreuze nebeneinander stehen. Der visuelle Eindruck von Massengräbern und Soldatenfriedhöfen erschwert aufgrund seines überwältigenden Ausmaßes das Entstehen von Empathie für die Millionen Opfer und lässt den Ersten Weltkrieg aus heutiger Sicht als abstrakt und für unseren Alltag irrelevant erscheinen.

Doch so fern wir uns der Zeit des Ersten Weltkriegs auch fühlen mögen: Wer sagt, dass wir die Schrecken dieser entmenschlichenden Epoche tatsächlich hinter uns gelassen haben? Vielleicht sind wir sogar in ihr steckengeblieben - und merken es bloß nicht.

Das jedenfalls mutmaßt der aus den USA stammende Fotograf und Entdecker Jeff Gusky, der die zivilisationsverändernde Wirkung des Ersten Weltkriegs erst begriff, nachdem er die gigantischen unterirdischen Städte im Nordwesten Frankreichs erkundet hatte. Je tiefer er in das Gewirr der in den Boden getriebenen Stollen und Gänge, Höhlen und Dome vordrang, desto deutlicher bemerkte er, dass die dort von den Soldaten hinterlassenen Spuren, ihre Gedanken und Gefühle, ausgedrückt etwa in Kritzeleien oder Wandmalereien, die Jahrzehnte überdauert haben und noch heute zu uns sprechen. So fasste er den Entschluss, “Bilder zu fotografieren, die eine bleibende Verbindung zu den damals in den Bunkern Lebenden herstellen - zu jenen Menschen also, die offenen Auges, aber doch wie geblendet, in die erste industrielle Massenvernichtung der Menschheitsgeschichte gerissen wurden. Damals wie heute”, so Gusky, “haben die Ereignisse der Weltgeschichte die Menschen betäubt und sie für Jahre alles Menschliche vergessen lassen. Meine Bilder sollen uns näher an die Soldaten von damals, aber auch an das Eigentliche des menschlichen Wesens heranführen - und die Unterschiede aufzeigen, die zwischen dem menschlichen Wesen und der von uns Menschen geschaffenen Welt existieren.”

Und wirklich: Wer sich eine Weile mit Guskys Arbeiten beschäftigt, wird feststellen, dass die vermeintlich längst vergangene Zeit bis heute nachwirkt und dass die Zeitläufte sich vom Einst ins Jetzt nahtlos fortsetzen.

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Bevor Gusky in die ausgedehnten Tiefenbauten hinabstieg, widmete er sich den oberirdischen Relikten aus der Zeit des Krieges und fotografierte entlang der einstigen Frontlinie von der Champagne bis zur Schweizer Grenze Befestigungsanlagen, Schützengräben, Feldlazarette und vieles mehr. Während seiner Arbeit schloss er Bekanntschaft mit einheimischen Experten und Hobbyforschern, die sich mit dem Thema befassen. Gusky lernte Grundbesitzer und Bürgermeister in der für gewöhnlich als verschlossen geltenden Gegend kennen. Sie gewährten ihm Zutritt zu vielen im Privatbesitz befindlichen historischen Stätten und Schlachtfeldern des Krieges - Orte, die ansonsten sehr selten zu sehen sind. Dort stieß er auch zum ersten Mal auf die unterirdischen Städte, die der übrigen Welt bslang so gut wie unbekannt waren.

Unterirdische Bauten und Städte sind in Frankreich gleichwohl nicht ungewöhnlich. Schon im Mittelalter wurden Schlösser, Burgen, Festungen, Kathedralen und sogar Wohnhäuser mit Granit und anderem Gestein aus unterirdischen Steinbrüchen gebaut. Die dadurch entstandenen Kavernen dienten seit der Zeit der Kreuzzüge als sichere Rückzugsorte für die Bevölkerung in Kriegs- und Krisenzeiten. Aus der Zeit der Napoleonischen Kriege etwa finden sich in so manchem unterirdischen Bauwerk Inschriften, die über raubende Kosakenhorden klagen, die das Land zu der Zeit heimsuchten.

Der Erste Weltkrieg brachte allerdings eine gravierende Änderung bei der Nutzung der Schutzräume mit sich. Nun sollten die unterirdischen Steinbrüche nicht mehr der Bevölkerung Schutz bieten, sondern wurden stattdessen vom Militär für den Bau frontnaher Stützpunkte, Verteidigungswerke oder Befehlsstände requiriert.

Heute sind die unterirdischen Bauten seit Jahrzehnten verlassen. Doch obwohl es dort unten stockdunkel ist, konnte Gusky mit seiner Kamera jene Zeugnisse aufspüren und festhalten, die die Soldaten in den Bunkern und Schutzräumen hinterlassen haben. Seine Bilder zeigen, dass sie selbst unter so unmenschlichen Bedingungen die Muße fanden, von Dingen zu berichten, die ihnen am Herzen lagen. Während hoch über ihnen, in den Gräben und auf den Schlachtfeldern, die Welt aus den Fugen geriet und nurmehr aus Tod, Seuchen und allumfassendem Grauen bestand, gewähren uns die Inschriften, Skulpturen, Graffiti der Soldaten kostbare Einblicke in ihre Träume und Hoffnungen. Trotz - oder gerade wegen - der drohenden Nähe des Todes nutzten die in der Tiefe kauernden jungen Männer die Zeit, um der Nachwelt private Botschaften zu hinterlassen. Vielleicht in der Hoffnung, dass überhaupt irgend etwas an ihr Dasein erinnern würde. Das konnten so simple Dinge sein wie in den Fels geritzte Namen, die noch heute so wirken, als wären sie gerade erst geschrieben, oder auch krude Zeichnungen mit sexuellen Botschaften, ja sogar Ergebnisse von Baseball-Spielen. Einige haben schlicht den Namen ihrer Liebsten an die Wand geschrieben (“Vera”), um vielleicht ein Ventil für ihre Sehnsucht zu finden. Andere wiederum haben religiöse Szenen und Insignien in den Stein gehauen - oder gar lebensgroße Skulpturen. Doch ganz gleich, wie künstlerisch elaboriert die Werke sind: All diesen Arbeiten ist anzumerken, dass die Soldaten im Angesicht des nahezu unausweichlichen Todes etwas mitteilen wollten, das an ihr Leben erinnern möge.

Es kommt nicht von ungefähr, dass wir in Guskys Bildern das Menschliche sehr direkt spüren. Neben seiner Tätigkeit als Fotograf arbeitet er als Notarzt und hat in diesem Beruf täglich aufs Neue mit ihm völlig unbekannten Menschen zu tun, muss Patienten und deren Angehörige durch die schlimmsten Momente der Krise begleiten. Seine Arbeit als Mediziner verschafft ihm die Genugtuung, dass er vielen Menschen hilft, die anstehenden Risiken einschätzen zu können, damit sie die notwendigen Entscheidungen richtig abwägen, die manchmal über Leben und Tod entscheiden. Sein fotografisches Schaffen schildert Gusky in ähnlicher Weise: “Ich hoffe stets, dass meine Bilder den Menschen die Augen öffnen, damit sie den Illusionen des modernen Lebens nicht erliegen. Etwa dem Gespinst rund um die hoch entwickelte Technik: Wenn wir ihr blindlings vertrauen und dabei den menschlichen Faktor außer Acht lassen, entwickelt sich unsere Welt zu einem sehr gefährlichen Ort. Fotografien sind wichtig, denn durch sie nehmen wir uns und unsere Handlungen besser wahr. Sie verhindern, dass wir abstumpfen oder gleichgültig werden - und sie helfen uns zu erkennen, dass wir keine perfekten Individuen sind.”

Für Gusky ist der Erste Weltkrieg eine markante Zäsur für die Menschheit, denn sie begann nun, sich über die negativen Folgen des technischen Fortschritts vermehrt Gedanken zu machen. Das bis dahin für undenkbar gehaltene Ausmaß der Zerstörungskraft, die in diesem Krieg entfesselt wurde, hatte seinen Ursprung in den wissenschaftlichen Erkenntnissen des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts: Elektrizität, Chemische Industrie, Flugtechnik, Telekommunikation, Medien - all diese Errungenschaften verhießen zunächst nur Gutes. Doch der Krieg offenbarte schnell, dass mit dem neu erworbenen technischen Wissen im Handumdrehen mörderische Waffen entwickelt werden konnten. Aus den Wohlstand bringenden Erfindungen der Industriellen Revolution und Gründerzeit entstanden unter der Regie von Technokraten in Uniform Leid bringende und höchst effiziente Tötungswerkzeuge. So öffnete der Erste Weltkrieg den Menschen die Augen: Sie wurden gewahr, dass der alles beflügelnde Fortschritt zugleich eine Schattenseite hat - eine finstere Seite, die für uns in höchstem Grade vernichtend ist.

Verblüffend an den Einblicken in die Gedankenwelt der Weltkriegssoldaten ist, wie viel wir aus ihnen lernen können. Denn die damalige Zeit unterscheidet sich von der heutigen gar nicht so sehr: Die Menschen lebten in Hochhäusern, fuhren mit dem Auto, der Bahn oder dem Bus zur Arbeit, gingen ins Kino und konsumierten Massenmedien. Überdies hatten sie damals wie heute, ohne dass sie es merkten, den Blick für das unmenschliche Ausmaß der technischen Errungenschaften verloren - und waren sich nicht im Klaren darüber, wie sehr die Technik unsere Wahrnehmung betäuben kann. Damals wie heute glaubte man an die Unfehlbarkeit der Technik und in gewisser Weise an die Unfehlbarkeit des menschlichen Wesens. Doch die Menschen jener Zeit erkannten - zu spät -, dass außer Kontrolle geratene Technik schnell in Massenvernichtung münden kann. Guskys Fotografien setzen das Individuum und das Individuelle ins Zentrum, sie zeigen Namen, Spuren im Stein, Momente der Einsamkeit. Und damit unterstreichen sie, dass unser Bewusstsein, unser Menschsein das Einzige ist, worauf wir uns in Krisenzeiten verlassen können. Es ist die universelle Größe, auf die wir uns besinnen können, wenn alles, was das Leben ausmacht, verloren scheint.

Die ausdrucksstärksten Bilder in Guskys Œuvre bringen uns die kleinen Momente der Menschen von einst näher. Und so erfahren wir zum Beispiel, dass damals wie heute die Soldaten Fußball und Baseball liebten und spielten. Und zwar nicht nur die Männer aus Frankreich, Großbritannien oder Deutschland - von überall auf der Welt kamen Soldaten auf die Schlachtfelder der Westfront: aus Europa, den USA, aus China, Indien, Pakistan, Australien. Insgesamt nahmen am Ersten Weltkrieg 65 Millionen Soldaten aus aller Herren Länder teil. Und diese unvorstellbar große Anzahl an Menschen wird durch Guskys Fotografien greifbarer, weil die Bilder das Persönliche, sozusagen die Signatur des Einzelnen eingefangen haben. So schlagen die Bilder eine Brücke über die Zeitspanne von 100 Jahren und ermöglichen uns zu erkennen, wie wichtig es den Menschen dort unten in den Karvernen war, ein Lebenszeichen zu hinterlassen, auf dass die Nachgeborenen wissen: “Ich habe geatmet, existiert. Ich habe etwas bedeutet, ich war hier.”

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Der Erste Weltkrieg ist fürwahr lang vorbei, aber die Menschen und ihre Geschichten bleiben uns erhalten. Obwohl wir in Guskys Bildern keine Menschen sehen können, wissen wir durch die Fotografien doch, dass sie genau wie wir waren: moderne Menschen. Sie waren verwundbar von der dunklen Seite des technischen Fortschritts und empfänglich für die spannenden Veränderungen, ohne jedoch über deren Folgen nachzudenken. Wir können von ihnen lernen, dass unbedingter Glaube an den Fortschritt leicht zur maßlosen Zerstörung und millionenfachem Tod führen kann.

Um es mit den Worten Guskys auszudrücken: Diese schockierend greifbaren Spuren längst Gestorbener zu finden, glich dem Entdecken Tausender per Flaschenpost verschickter Nachrichten aus einem gesunkenen Schiff. Jede Gravur, jedes in den Stein gehauene Bild, das Gusky fotografierte, ist gleichsam eine Botschaft aus einem anderen Leben, einer anderen Zeit - eine Botschaft, die die Frage stellt und zugleich beantwortet, was bleibt, wenn die Welt aus den Fugen gerät und unsere Illusionen sich in Luft auflösen? Die Kunst und die Liebe - für den Nächsten und für einander.

—Alexander Strecker


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