"Geister" / "Ghosts"
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Ich hatte im Rahmen meiner beruflichen Tätigkeit in Venedig zu tun und nahm mir nach getaner Arbeit zwei Tage frei. Dabei stieg ich in das Vaporetto, das zur Insel Murano fährt. Der Halt kurz zuvor ist an der Friedhofsinsel. Die Entscheidung dort von Bord zu gehen, kam in der Sekunde, in der das Boot stoppte. Ich wusste nicht, dass ich dort die nächsten drei Stunden verbringen würde und am nächsten Tag noch einmal zweieinhalb. - Der Geister wegen.

Bis dahin war ich ein recht aufgeklärter, materialistisch denkender Mensch. Ich bin nicht religiös oder so etwas und denke in kausalen wissenschaftlich erklärbaren Zusammenhängen.
Auf dem Friedhof fielen mir dann sehr schnell die Fotografien auf, wie sie in Italien üblich sind. Sie zeigten ein Foto des Verstorbenen, aufgebracht auf einer Porzellanplatte oder einem anderen Trägermaterial.
Ein paar der Bilder interessierten mich besonders. Es waren die, an denen der Zahn der Zeit nagte, die, bei denen man förmlich sah, wie die Menschen, die sie abbildeten, mehr und mehr in Vergessenheit gerieten. Chemische Prozesse durch Verwitterung und Sonnenlicht ließen sie zu Darstellungen seltsamer Wesen werden.
Dieser gestalterischer Prozess der Natur interessierte mich und ich holte meine kleine Kamera hervor, die ich in der Tasche trug.

Ich hatte einen Vorahnung, als ich die Fotos machte, aber als ich sie mir dann zu Hause am großen Bildschirm anschaute, übertrafen sie alle meine Erwartungen. Wie kann es sein, dass die Natur mit Ansichten von Menschen solch Schauspiel treibt? Der Prozess von Solarisation und die damit verbundene Veränderung heller und dunkler Bildpartien nach gut 30 Jahren ist erklärbar. Aber wie kann es zum Beispiel sein, dass die Natur präzise ein Gesicht restlos auslöscht, obwohl auch dort helle und dunkle Bildflächen existieren? Woher weiß sie, dass das das Gesicht ist?
Bei manchen Portraits blieben nur die Augen stehen. Einem Mann wuchs über die vielen Jahre ein weißer, langer Rauschebart.
Waren das wirklich Fotos? Sie wirkten stellenweise wie Radierungen. So kam ich auf die Idee, sie auf mattweißem Papier auszudrucken, wie es bei handgrafischen Drucken üblich ist, um diesen Eindruck zu verstärken.

Ich arbeitete Nachts. Ein Fehler. Die Geister erwachten.
Es ging so gut wie alles schief, was schiefgehen konnte. Der Drucker (die Geister!) veränderte das Format. Der Papiereinzug funktionierte plötzlich nicht und wenn nach zahllosen Versuchen dann doch, bildeten sich farbige Schlieren an den Rändern eines eigentlich mehr von Grautönen lebenden Bildes. Ich war am verzweifeln. Die Geister wollten nicht ausgedruckt werden und konkret auf
archivfestem Papier für immer so zu sehen sein. Sie wollten flüchtig bleiben. Es waren gute Geister, doch es gab für sie Grenzen.

Am nächsten Tag funktionierte mein Drucker bei der Ausführung meiner täglichen Aufgaben wieder einwandfrei.