Kurfürstenstraße
Project info

DEUTSCHER TEXT AM ENDE

The photo series and accompanying book “Kurfürstenstraße” is a portrait of the area in and around Kurfürstenstraße (Kurfürsten Street) in Berlin. The area has been a known haunt of prostitution for the past 130 years. The German capital is one of only two cities in the country which does not have a restricted area for sex work; contact between sex workers and customers and the sex work itself often take place within residential areas. Due to the rapidly changing demographics of the area, streetwalking is becoming more marginalized and tensions are rising as secluded places to do sex work are fast disappearing.
The trigger for this project was a short encounter with a woman in front of my apartment building. Her body language made me uneasy in the semi-darkness of my doorstep but there was also something about her that drew me in. One evening I asked if I could make a portrait of her. Her delighted reaction was the exact opposite of what I expected. Local residents in an area frequented by sex workers learn quickly to accept and adapt to the heterogeneous juxtaposition of street prostitution and daily life. It is like oil and water. But my encounter with this woman began to break down the barriers. My interest wasn't in making portraits of sex workers; it was about showing the unique character of this district.
I ended up working as a volunteer at “OLGA,” a cozy center that feels like a living room, located directly on Kurfürstenstraße. It’s predominantly a counseling center for sex workers, offering all kinds of assistance for everyday life such as beds, showers, laundry facilities and clean injecting equipment. It has a strictly no-men policy, allowing sex workers to take a break and relax. Besides the challenges that come with working on the street every day, the women regularly have to deal homelessness, addiction, gambling and lack of social benefits and are often the sole provider for their families. Rates for sex work are low and the women must work long hours to make the money they need every day.
In 2013, together with “Olga,” we received a grant to implement a PhotoVoice project with the sex workers. It was around this time that I started to make my portrait of the area. Because of my involvement in the PhotoVoice project I was allowed to gain a deeper insight into the day-to-day struggles that these women face. Walking around with them opened up my view of the area and revealed new layers for my own pictures. My motifs softened and I did away with needlessly loud pictures. I wanted to create a feeling that lingers with the viewer without being explicit. These photographs should work like pieces of a puzzle; portraying only a fragmented idea of the reality.

KURFÜRSTENSTRASSE (german)
Die Serie ist ein Portrait des Areals rund um die Kurfürstenstraße/Berlin, in dem schon seit mehr als 130 Jahren Straßen-Sexarbeit stattfindet. Ein fragmentarisches Herantasten an einen Ort mit vielen Widersprüchen.

Auslöser für mein Fotoprojekt war Sabine. Sie war mir durch ihre Gestik im Halbdunkeln vor meiner Haustür nie geheuer gewesen und gleichzeitig zog sie mich an. Ich sprach sie eines Abends an und ihre erfreute Reaktion war das genaue Gegenteil von dem, auf was ich mich insgeheim gewappnet hatte. Als Anwohnerin der Kurfürstenstraße geht man erstaunlich schnell dazu über das heterogene Nebeneinander von Straßenstrich und eigenem gelebten Alltag zu akzeptieren und zu praktizieren. Sabine war für mich 2013 der Anstoß dies zu ändern und im Frauentreff 'Olga' als Ehrenamtlerin anzufangen. 'Olga' ist ein Schutzraum des Drogennotdienstes Berlin, in dem Männer keine Zutritt haben. Die Frauen und Transfrauen können dort Duschen, Essen, Schlafen oder einfach nur bei einem Kaffee ausruhen. Ich wollte mehr über das Areal und ihren Alltag dort erfahren.

Das Gebiet rund um die Kurfürstenstraße ist schon seit Anfang des 20. Jahrhunderts einer der wichtigsten Prostitutionsmärkte Berlins. In diesen 130 Jahren hat sich das Gebiet stark gewandelt, die Beweggründe für die Frauen aber sind auf einzigartige Weise gleich geblieben. Was den Frauen heute wie gestern gemein ist, sind die geringen Ressourcen, auf die sie zurückgreifen können und der stets harte Blick der Gesellschaft auf sie und ihren Beruf.
Berlin ist neben Rostock die einzige Stadt in Deutschland, die keinen Sperrbezirk für die Prostitution eingerichtet hat, was zur Folge hat, dass der Kontakt mit den Kunden und auch die Sexarbeit selbst innerhalb von Wohngebieten stattfinden. Die Frauen sind dadurch in einem vermeintlich geschützteren Raum als außerhalb des Stadtzentrums, jedoch führt diese Nähe auch zu Reibungen mit der direkten Nachbarschaft und isoliert sie.
Zusätzlich zu meinen eigenen Fotos entwickelte ich in Zusammenarbeit mit dem 'Olga' das ‚Photovoice Projekt‘, in dem vierzehn Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter aus fünf Ländern Geschichten und Wünsche aus ihrem Leben erzählen. Auszüge aus dem 'Photovoice' befinden sich im hinteren Abschnitt meines Buches.
Die Streifzüge mit den Frauen durch die Straßen gaben mir in den18 Monaten der Entstehung Einblick in eine mir neue und unbekannte Welt, welche sich immer weiter öffnete durch ihr Vertrauen welches sie mir schenkten. Viele Einblicke sind mir als „Solider“ nicht gewährt. Aber die entdeckten Fragmente, Seitenblicke und Momente sind für mich zu einem Ganzen geworden. Meine Fotografien sind wie Teile eines Puzzles, welches in seinen Einzelheiten nur ein Bild erahnen lässt. Ein Gefühl, was beim Betrachter nachklingt, ohne explizit zu werden.
Diese Arbeit entstand im Rahmen des Masterstudiengangs unter Ute Mahler an der HAW Hamburg.