Die Anwesenheit des Abwesenden - ein Reprodukt
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Die Photographie entsteht für den Photographen in dem Moment, in dem er den kostbaren Augenblick vernimmt. Dieser Augenblick trägt die Magie und Ausstrahlung in sich, die es erlaubt oder vielmehr danach ruft, festgehalten zu werden. Mit der Entwicklung der Photographie war es innerhalb kurzer Zeit möglich, einen Augenblick „genau so“ einzufangen, wie wir ihn sehen oder aber wie er uns in diesem Moment erscheint.
Viele meiner Werke zeigen Stimmung, gefühlte Nähe und Distanz von etwas, das im Bild zu sein scheint und gleichzeitig doch abwesend ist. Wie Roland Barthes in „Der hellen Kammer“ beschreibt, ergreift ihn eine Photographie, wenn er fühlt, dass die Person, die er in der Photographie sieht, ganz bei sich ist und wenn der Augenblick der Photographie ganz ist – und voll („randvoll“).
Dann, wenn dies geschieht, entsteht ein „wahres“ Bild, ein richtiges Abbild, eine Reproduktion der Wirklichkeit. In der Photographie, die ich „entstehen lasse“, erscheint für mich, und nur für mich, das „wahre“ Bild in dem Augenblick, in dem ich eins bin mit dem Moment, in dem ich mich befinde. Die Photographien ereignen sich an Orten, die mir manchmal unvertraut und manchmal bekannt sind. Es sind jedoch immer Orte, die nicht „mir gehören“, es sind Orte, die ein anderer bewohnt oder in denen er sich tagtäglich aufhält wie bei „Sobh“ (persisch „der Morgen“) und bei „Stein der Geduld“: Beide Bilder entstanden in einer Situation, in der ich mich in eine Umgebung einfühlen musste, die mir unbekannt und unvertraut war – in der ich nur ein „vorübergehender Gast“ war. Auf beiden Photographien sind Situationen vor einem Fenster dargestellt. Auf dem einen durch den Vorhang verdeckt, auf dem anderen die Spiegelung eines Baumes und die angelaufenen Fensterscheiben, die auf einen kalten, eisigen Tag draußen und die gegensätzliche Wärme im Zimmer hinweisen. Beides sind Raumsituationen, die für den späteren Betrachter nicht eindeutig sind und auch nicht so erfasst werden können, wie ich sie im Moment der Fotografie erfasste: Ich fühle mich ein in die Situation und lasse mich leiten von der Sprache, die der Ort mit mir spricht. Animula, die kleine Seele eines jeden Menschen bleibt zurück und sie ist es, die mich gefühlt ergreift. Ihr Geist füllt den Raum aus, den der Mensch bewohnt(e) und gibt ihm den Ausdruck seiner selbst, hinterlässt etwas von seiner Seele. Obgleich der Bewohner zu dem Augenblick abwesend ist und vielleicht auch für immer abwesend sein wird, ist seine animula noch immer anwesend und so präsent, dass ich als Betrachter aktiv werde und ihn fühlen kann trotz der Abwesenheit. Die Anwesenheit des anderen leitet den Vorgang der Photographie, der Raum ist trotz der Abwesenheit plötzlich so vollgeladen mit der fremden Präsenz und Aura, dass nicht mehr ich der „operator“ bin, sondern heraustrete und der anwesenden Präsenz, dem möglicherweise höheren Etwas den Platz meines Körpers und meiner Handlung überlasse.
Die Präsenz des anderen in der Abwesenheit lässt meinen Blick wandern, dorthin, wo sich seine animula befindet – es lässt meinen eigenen Blick verwischen und auflösen. Es ist ein völliges Auflösen meiner eigenen Person, und auch das Auflösen meiner Position als Photograph, in der ich mich ganz der Situation und dem übergebe, was in diesem Moment geschieht, wie auch Susan Sontag in ihrem Essay „Über Fotografie“ beschrieb. Zurück bleibt das Abbild, eine Photographie – die für den Betrachter meiner Photographien dennoch wieder leer erscheint, denn:
„Was geschieht, wenn ich eintrete?
Was erwartet mich? Freude Liebe Schmerz Vergangenheit
Ein Raum voller Emotionen voller menschlichem Dasein
Neuer Ort Fremder Geist
Dringe ich ein Lasse ich mich ein
Tür geöffnet, Geist geschlossen
Ich gehe hinein.
Auf den anderen zu.
Licht Schatten Ein Universum an Gefühlen Ein Schwall an Gerüchen. Ein mich greifendes Etwas – ein Hauch in der Luft.
Ich kann dich fühlen.
Du schwebst im Raum. Du hinterlässt Spuren. Du füllst alles um dich herum aus.
Magisch bestimmt - Göttlich vielleicht - Menschlich trotz allem. Und doch nicht greifbar.
Ich betrete Räume voller Vergangenheit und Gegenwart. Ich öffne Türen, spüre Licht und den Hauch der Erinnerung, den Staub der Jahre und des Lebens: Gegenstände, die vergessen schlummern, die ein Teil waren von dir, ein Teil waren von mir und die nun berührt ruhen, als wären sie vollgesogen mit zu viel Bedeutung. Unnahbar. (Ungreifbar). Die stillen Beobachter unserer Zeit. Sie tragen einen Teil von uns in sich.
Sie tragen den Hauch unserer Aura. Alles ist erfüllt mit den Jahren der Vergangenheit. Jede Sache trägt ein Stück Erinnerung. Alles erlangt plötzlich einen Stellenwert, der zuvor nicht sichtbar war. Standbilder – kraftvoll, energiegeladen. Die Zeugen von Leben. Die Zeugen von Tod.
Es macht keinen Sinn von diesen Dingen zu berichten. Es macht keinen Sinn, dir von all dem zu erzählen.
Längst ist der Augenblick zu einem toten Moment geworden. Ist dieses Bild, das du siehst, nur noch Erinnerung, missglückte, unerfüllte Sehnsucht.
Gefühlt habe sowieso nur ich dich so, wie ich konnte und wollte. Dort, wo wir waren, wo du warst und nicht mehr bist und so, dass kein anderer eine Idee davon haben könnte, von dem, was zwischen uns war und wie in diesem Moment alles erfüllt war. Es bedarf keines Abbildes und keiner Worte für das Gefühl, das herrschte, denn es war der Augenblick – magisch und göttlich – ohne den Charakter des Reproduktiven, welchen ich nun anhand dieses Werkes versuche nachzueifern. Gegangen ist der Moment, die Magie, das Licht, das herrschte und für niemanden begreiflich zu machen. Es ist eine Lüge, dir, als Betrachter, etwas zu zeigen, was so nicht gezeigt werden kann. Es ist eine blinde, tote Kopie. Verfälscht in ihrem Ausdruck, in ihrem Blickwinkel, in ihrer Art und Weise, wie wir versuchen, etwas so darzustellen, wie wir es sehen. Gesehen haben? Viel erzählen kann ich dir. Viel vormachen und zeigen. Mein Moment wird nie zu deinem werden.“